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Polaritäten in der Gestalttherapie · Aalen

Polaritäten in der Gestalttherapie: Wenn zwei Seiten in Dir sprechen


Du wünschst Dir Nähe und brauchst zugleich Zeit für Dich. Du möchtest etwas verändern und sehnst Dich nach dem Vertrauten. Du bist gerne für andere da und spürst, dass Deine eigenen Bedürfnisse mehr Raum brauchen.

Solche Spannungen gehören zum Menschsein. In der Gestalttherapie sprechen wir von Polaritäten: unterschiedlichen, manchmal gegensätzlich erlebten Bedürfnissen, Empfindungen oder Verhaltensweisen, die miteinander in Beziehung stehen.


Was sind Polaritäten?


Stärke und Verletzlichkeit, Festhalten und Loslassen, Selbstständigkeit und Verbundenheit: Diese Seiten können sich ergänzen. Schwierig kann es werden, wenn wir uns nur eine davon erlauben. Wer immer stark sein muss, findet möglicherweise wenig Raum für Erschöpfung oder den Wunsch nach Unterstützung.

Die gestalttherapeutische Arbeit mit Polaritäten lädt dazu ein, solche Spannungen genauer kennenzulernen und bisher wenig gelebte Möglichkeiten zu entdecken. Dabei kann es mehr als zwei Seiten geben. Menschliches Erleben ist vielfältiger als ein einfaches Entweder-oder.


Beide Seiten verdienen Aufmerksamkeit


Vielleicht kennst Du eine innere Stimme, die sagt: „Jetzt reiß Dich zusammen.“ Gleichzeitig meldet sich etwas anderes: „Ich kann gerade nicht mehr.“

In meiner Arbeit erkunden wir gemeinsam, wie Du diese Spannung erlebst. Was fordert Dich an? Was braucht Entlastung? Welche Bedeutung hat das Durchhalten in Deiner Lebensgeschichte – und welche Folgen hat es heute?

Auch eine anstrengende Verhaltensweise kann einmal hilfreich gewesen sein. Wir schauen deshalb ebenso auf Deine Fähigkeiten und darauf, was Dich bisher getragen hat. So kann verständlicher werden, welche Möglichkeiten Dir heute zur Verfügung stehen.


Polaritäten mit Körper und Stimme erforschen


Ein mögliches Beispiel aus der Einzeltherapie: Du möchtest eine Einladung absagen und fürchtest zugleich, jemanden zu enttäuschen. Wenn es für Dich passt, könnten beide Seiten nacheinander Worte finden: „Ich brauche Ruhe“ und „Mir ist unsere Verbindung wichtig.“

Vielleicht verändert sich dabei Deine Haltung, Dein Atem oder der Klang Deiner Stimme. Ich frage nach, was Du selbst bemerkst und welche Bedeutung es für Dich hat.

Manchmal unterstützen zwei Stühle, eine Geste, Farben oder Gegenstände dieses Erkunden. Solche gestalttherapeutischen Experimente entwickeln wir gemeinsam aus der Situation. Ihr Wert liegt darin, dass Du etwas über Dein Erleben entdecken kannst.



Nähe und Eigenständigkeit in Beziehungen


Auch in der Paartherapie und Beziehungsbegleitung begegnen uns Polaritäten. Eine Person sucht nach einem Streit rasch das Gespräch, die andere braucht zunächst Abstand. Beide Wünsche können nachvollziehbar sein und dennoch schmerzhaft aufeinanderprallen.

Wir erkunden, was Ihr jeweils erlebt und braucht. Vielleicht wird daraus eine konkrete Vereinbarung: „Ich brauche eine halbe Stunde für mich. Danach komme ich wieder auf Dich zu.“

Dabei bleiben die Rollen beweglich. Wer heute Abstand sucht, kann sich morgen nach mehr Nähe sehnen. Unterschiedliche Bedürfnisse wahrzunehmen eröffnet die Möglichkeit, klarer miteinander zu verhandeln und Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.


Veränderung braucht einen tragfähigen Ausgangspunkt


Arnold Beisser beschrieb mit der paradoxen Theorie der Veränderung einen wichtigen gestalttherapeutischen Gedanken: Entwicklung wird möglich, wenn ein Mensch sich seinem gegenwärtigen Erleben zuwendet und es anerkennt. Dieses Annehmen kann zum Ausgangspunkt für neue Schritte werden.

In meiner traumasensiblen Arbeit achte ich mit Dir darauf, was gerade tragbar ist und Halt gibt. Jede Einladung bleibt freiwillig. Du darfst innehalten, ein Experiment verändern oder ablehnen. Sicherheit, Zusammenarbeit und Wahlmöglichkeiten gehören zu den Grundlagen traumasensibler Begleitung.

Vielleicht entsteht dadurch mehr Freiheit, je nach Situation klar und zugewandt, kraftvoll und verletzlich zu sein.

In meiner Praxis in Aalen und Lauchheim sowie online begleite ich Dich oder Euch dabei, diese Spielräume zu entdecken.


Fachliche Grundlagen und weiterführende Literatur
Hartmann-Kottek, L. (2012): Gestalttherapie. Lehrbuch. 3., vollständig überarbeitete Auflage. Springer.
Grundlagen zur gestalttherapeutischen Haltung und zur erlebnisorientierten Arbeit in unterschiedlichen therapeutischen Settings.
Kroschel-Lobodda, E. (2014): Die Polarität der Bedürfnisse und ihre Bedeutung für die Erledigung von „unfinished business“. In: L. Hartmann-Kottek (Hrsg.), Gestalttherapie – Faszination und Wirksamkeit. Eine Bestandsaufnahme. Psychosozial-Verlag.
Ein unmittelbar zum Thema passender Beitrag über die Polarität menschlicher Bedürfnisse.
Beisser, A. R. (1970): Die paradoxe Theorie der Veränderung. Originalbeitrag in: J. Fagan & I. L. Shepherd (Hrsg.), Gestalt Therapy Now, S. 77–80. Deutsche Übersetzung von Frank-M. Staemmler, veröffentlicht 1995.
Zum Gedanken, dass Veränderung aus der Hinwendung zum eigenen gegenwärtigen Erleben erwachsen kann. Deutsche Fassung online lesen.
Perls, L. (2005): Leben an der Grenze. Essays und Anmerkungen zur Gestalttherapie. Herausgegeben von Milan Sreckovic. 3. Auflage. EHP.
Grundlegende Texte von Lore beziehungsweise Laura Perls zu Kontakt, Stützung und gestalttherapeutischer Praxis.

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