Körperwahrnehmung & Grenzen: Dich selbst spüren und Deinen Raum finden
Du sagst Ja, und gleichzeitig wird Dein Bauch eng. Ein Gespräch beschäftigt Dich noch Stunden später. Oder Du bemerkst erst am Abend, wie anstrengend es war, den ganzen Tag für andere da zu sein.
Körperwahrnehmung und Grenzen hängen oft eng zusammen. Den eigenen Empfindungen Aufmerksamkeit zu schenken kann helfen, Bedürfnisse früher zu erkennen und bewusster für sich einzustehen.
Den Körper als Teil Deines Erlebens wahrnehmen
In der Gestalttherapie beziehen wir körperliche Empfindungen, Gefühle, Gedanken und die aktuelle Beziehungssituation gemeinsam ein. Diese erlebnisorientierte Arbeit kann durch Bewegung, Stimme und kreative Ausdrucksformen unterstützt werden.
Vielleicht bemerkst Du beim Erzählen angehobene Schultern, einen angehaltenen Atem oder den Wunsch, Dich zurückzulehnen. Was das für Dich bedeutet, erkunden wir gemeinsam. Eine Empfindung hat keine festgelegte Botschaft: Ein enger Brustraum kann mit unterschiedlichen Erfahrungen verbunden sein.
Ich frage deshalb beispielsweise: „Was bemerkst Du gerade? Ist Dir das vertraut? Was würde Dir jetzt guttun?“ Deine Wahrnehmung bleibt der Ausgangspunkt.
Grenzen ermöglichen Begegnung
Eine Grenze beschreibt, was für Dich im jeweiligen Moment stimmig ist: wie viel Nähe Du möchtest, was Du teilen willst oder wann Du eine Pause brauchst. Sie kann durch Worte, Abstand, eine Bewegung oder eine Entscheidung Ausdruck finden.
Lore Perls betont die Bedeutung von Stützung – von dem, was einen Menschen im Kontakt trägt. In meiner Arbeit schauen wir deshalb auch darauf, was Dich beim Wahrnehmen und Ausdrücken Deiner Grenzen unterstützt: ein verlässliches Gegenüber, Zeit zum Nachspüren oder ein Satz, den Du vorher ausprobieren kannst.
Deine Grenze gilt auch dann, wenn Du sie körperlich noch nicht deutlich spürst oder ausführlich begründen kannst.
Ein Nein darf eine eigene Stimme bekommen
Ein mögliches Beispiel aus der Einzeltherapie: Du übernimmst häufig zusätzliche Aufgaben und ärgerst Dich später darüber. Gemeinsam könnten wir einen solchen Moment verlangsamen. Wann bemerkst Du Dein Zögern? Welche Gedanken tauchen auf? Was erschwert Dir die Absage?
Wenn Du möchtest, probieren wir unterschiedliche Formulierungen aus: „Heute kann ich das nicht übernehmen“ oder „Ich brauche Bedenkzeit.“
Du kannst dabei wahrnehmen, wie sich die Worte mit Deiner Stimme anhören und welche Formulierung zu Dir passt. Vielleicht unterstützt Dich ein anderer Stand oder etwas mehr Abstand. Du bestimmst, was Du ausprobieren möchtest.
Traumasensibel: Wahrnehmen in kleinen Schritten
Nach überwältigenden Erfahrungen kann die Aufmerksamkeit für den Körper herausfordernd sein. Peter Levine beschreibt ein behutsames Vorgehen, bei dem körperliche Empfindungen in kleinen, bewältigbaren Schritten erkundet werden.
Für meine Begleitung bedeutet das: Wir achten gemeinsam darauf, wie viel gerade passt. Vielleicht hilft zunächst der Blick durch den Raum, das Wahrnehmen der Stuhllehne oder ein vertrauter Gegenstand. Auch wenig oder nichts zu spüren darf dazugehören.
Du darfst die Aufmerksamkeit jederzeit nach außen richten, eine Pause machen oder eine Einladung ablehnen. Körperwahrnehmung muss nicht intensiv sein, um bedeutsam zu werden.
Nähe und Grenzen in der Paarbeziehung
In der Paartherapie und Beziehungsbegleitung erkunden wir zusätzlich, wie Ihr mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgeht. Frühere Beziehungserfahrungen können beeinflussen, wie Nähe, Rückzug oder Konflikte heute erlebt werden – ein Zusammenhang, den auch Katharina Klees in ihrer traumasensiblen Paartherapie aufgreift.
Vielleicht braucht eine Person Berührung, während die andere zunächst Raum benötigt. Beides darf ausgesprochen werden. Körperkontakt setzt die Zustimmung beider voraus.
Eine Vereinbarung könnte lauten: „Bitte frag mich, bevor Du mich umarmst.“ So wird die eigene Grenze für das Gegenüber verständlicher.
In meiner Praxis in Aalen und Lauchheim sowie online begleite ich Dich oder Euch dabei, Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen auszudrücken und Begegnung bewusster zu gestalten.
Fachliche Grundlagen und weiterführende Literatur Perls, L. (2005): Leben an der Grenze. Essays und Anmerkungen zur Gestalttherapie. Herausgegeben von Milan Sreckovic. 3. Auflage. EHP. Grundlegende Texte zu Kontakt, Stützung und gestalttherapeutischer Haltung. Hartmann-Kottek, L. (2012): Gestalttherapie. Lehrbuch. 3., vollständig überarbeitete Auflage. Springer. Zur erlebnisorientierten Arbeit mit Körperwahrnehmung, Bewegung und Ausdruck in unterschiedlichen therapeutischen Settings. Levine, P. A. (2011): Sprache ohne Worte. Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. Kösel. Zur Bedeutung körperlicher Empfindungen und eines behutsamen, schrittweisen Vorgehens in der Traumaarbeit. Klees, K. (2018): Traumasensible Paartherapie. Mit dem Traum(a)-Haus-Konzept aus der Beziehungskrise. Junfermann. Zum Einfluss früher Beziehungserfahrungen auf heutige Paardynamiken und zu deren traumasensibler Begleitung.